Artikel über den Alberssee von www.seen.de

Ein Tag am Alberssee
Ferien zuhause – und manchmal auch die große Ruhe

Das Licht der untergehenden Sonne vergoldet gefüllte Weizenbiergläser – die vor einer Stunde noch gleißenden Strahlen sind nun so sanft, dass auch bleichste Bürogesichter nicht mehr unter Sonnenschirme flüchten. Nach 18 Uhr leert sich der Strand mehr und mehr – doch die Seeterrasse des Cafés füllt sich. Hier treffen Badegäste mit Restfeuchte im Haar auf Feierabend-Ankömmlinge, die nicht zum Schwimmen da sind: Sie möchten nur entspannt am Tisch sitzen, den Seeblick genießen und dabei etwas essen und trinken.
Zwischen Seeterrasse und Kiosktheke ist der Laufsteg für alle, die auf dem Weg vom oder zum Strand sind. Viele Cafégäste scheinen die vorbei schlürfenden Schlappenträger aber gar nicht wahrzunehmen: Sie richten ihren Blick lieber aufs Wasser, wo vielleicht gerade ein Tretboot startet, das beim Wasseraufwirbeln wie eine kleine Mühle rauscht. Vom Kiosk her erschallt leichte, sommertaugliche Musik, wie sie im gleichen Moment auch an zigtausend anderen Stränden auf der ganzen Welt läuft: mal sind es sehnsüchtige brasilianische Rhythmen, mal singt Ramazotti, mal gibt’s karibischem Reggae zum Zurücklehnen. Oder es gibt den Soundtrack zum Sonnenuntergang über dem Wasser: „Café del Mar“ am See. Weniger auszurechnen ist das Publikum – von Motorradfahrern bis zur Frauengemeinschaft ist alles vertreten – jeden Abend sind andere Leute da.
Irgendwann setzt die kleine Flucht nach Osten ein, denn die Sonne verschwindet langsam hinter der langgezogenen, selbst bei Windstille immer etwas rauschenden Pappelreihe. Die Schatten der hohen Bäume scheinen pro Minute um einen Meter zu wachsen und breiten sich in gut einer halben Stunde fast über den ganzen großen Hauptstrand aus. Wer bis jetzt noch nicht genug Sonne abbekommen hat, wandert mit seinem Handtuch an den äußersten Rand, wo sich noch ein paar Lichtlöcher finden – oder er verzieht sich noch mal 50 Meter weiter von den Pappeln weg zum Nichtschwimmerstrand. Dort lässt sich noch eine halbe Stunde pralle Sonne rausholen.
Nach ihrem Untergang bleiben manche dennoch bis zur völligen Dunkelheit am Wasser – oder sie genießen auf der Seeterrasse Flammkuchen oder Caipirinha.
Wer zur gleichen Zeit immer noch – oder erst jetzt – am Strand liegt, genießt eine völlig andere Atmosphäre als noch ein, zwei Stunden zuvor. Handtuchfühlung zu Fremden droht niemandem mehr: Die abendlichen Pärchen, Cliquen, Grüppchen oder Familien haben viel Platz für sich. Vielhundertfaches Stimmengewirr aus allen Richtungen war am Nachmittag – an manchen 30-Grad-Wochenenden wollen sich über 8000 Leute hier bräunen und im See abkühlen. Doch selbst an solchen Spitzentagen ist der Pegel abends wieder unten, nur vereinzelt kreischen noch übrig gebliebene Planschkinder oder von halbstarken Kerlen nass gemachte junge Mädchen, die das Wasser zu kalt finden, obwohl der See meist schon nach einer Woche Sommerhitze so aufgewärmt ist, dass auch Frostbeulen klar kommen.
Wer morgens im Café frühstückt oder einen Kaffee trinkt, findet noch mehr angenehme Ruhe als spätabends. Ähnlich idyllisch ist es an den keinen Massenandrang auslösenden 24-Grad-Sonnentagen im Früh- und Spätsommer: Man hört nur eine Handvoll Stimmen, etwas Vogelgezwitscher und die Blätter der umliegenden Bäume und Sträucher.
„Ferien zuhause“ ist der Slogan, mit die Betreiber des Kiosks und Cafés, Reinhold Kleinehollenhorst und Dirk Brölemann, zum Besuch des 100 Fußballfelder großen Sees anreizen. Dem Lockruf wird schon bald 20 Jahre gefolgt. Zum Teil von weit her: Auf dem Parkplatz erblickt man überraschend viele Kennzeichen von jenseits der SO-Gefilde und Nachbarkreise. Ist aber kein Wunder: Um das vom Teutoburger Wald durchzogene Bielefeld herum gibt es keinen Badesee. So müssen die Vor- und Hinterwäldler weit fahren – zum Alberssee.
Hier könnte man es sich von April bis Oktober durchgängig gut gehen lassen. 1991 und 2003 klappte das sogar. Doch leider ist nichts so unberechenbar wie ein westfälischer Sommer. 2007 etwa war nur im April Hochsaison – danach kam nicht mehr viel, selbst die Hundstage waren völlig verregnet.
Was treibt die Leute her? Die einen schwimmen einmal bis zur kleinen Insel oder noch viel weiter. Die anderen verlieren schon an den bunten Bojen die Wasserlust und kehren schnell an Land zurück, sie möchten lieber stundenlang auf dem Handtuch dösen, lesen, quatschen, ihre Körper herzeigen oder Musik hören – und dabei braun werden. Andere verkriechen sich lieber unter Sonnenschirmen oder den Familienstrand-Palmen. Manche wollen auch auf dem Trockenen ständig zappeln und spielen Beachvolleyball. Auf dem hellen Sand wird die Sehnsucht nach dem Süden für ein paar Stunden gestillt.
Dass viele am Abend wirklich etwas erholt sind, zeigt sich an ihrem angenehm heruntergefahrenen Tempo: Am frühen Nachmittag sind alle noch ein Stück verbissen vom Park- zum Liegeplatz gestampft, hastig werden die Handtücher ausgebreitet. Urlauber sehen anders aus. Wenn sie aber Stunden später ihr Hab- und Strandgut wieder zusammenpacken, erkennt man ihre Bewegungen kaum wieder – zu Hause ziehen sie sich dreimal so schnell an.
Wer den See googelt und sich die angezeigten Ergebnisse näher anschaut, findet auffallend viele Taucherforen, in denen über den See geschwärmt wird. Neben Karpfen, Zander und Hecht „soll es irgendwo auch ein Boot und ein Floß aus Fässern auf dem Grund des Sees zu sehen geben“, munkelt man auf www.seen.de. Nur eine einzelne, spezielle Gruppe äußert sich im Internet enttäuscht, weil sie ihre Vorliebe hier nicht wie ersehnt ausleben kann: FKKler. Aber keiner vermisst sie hier. -mot